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Heimvorteil in der Rückrunde

Es ist eine verkehrte Welt: Österreich ist auf Zack, effizient und macht nicht viele Worte. Die Deutschen sitzen derweil raunzend bei ihrem Coffee to go, fantasieren von vergangener Größe und verstehen nichts von Fußball:

Man habe „die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren“, lamentierte 2014 der damalige Telekom-Vorsitzende Tim Höttges – statt den Weg frei für Glasfaser zu machen. Fünf Jahre später funken schon die ersten 5G-Publikumsnetze, aber nicht in Berlin, Hamburg oder München, sondern in Wien, Wörgl und Linz.

Die mittelständischen Unternehmen in Deutschland zittern zerknirscht, weil ihnen die Marktforschung jedes Jahr wieder vorhält, dass sie hoffnungslos hinterher sind. Die österreichischen Familienunternehmen sind derweil kräftig gewachsen und blicken entsprechend gelassen in die Zukunft, 77 % erwarten im kommenden Jahr weiteres Wachstum. Von Digitalisierung, sonderbar, wollen sie nur dann etwas wissen, wenn’s auch etwas bringt.

Was es bringt, haben wir uns für diese Beilage an drei Realbeispielen angesehen und in die Titelgeschichte gepackt (Seite 5): Der Kunststoff-Recycling-Maschinenbauer Erema (Ansfelden) liefert eine komplette digitale Echtzeit-Qualitätskontrolle mit, der Klimaspezialist Radel & Hahn (Mattersburg) bietet Anwendern unter anderem einen Webservice zur Fernüberwachung, und die Glastechniker von LiSEC (Amstetten) geben ihren Kunden jederzeit eine klare Übersicht zu Maschinenzustand und Produktionsprozess.

Und was macht Red Bull derweil? Sponsert E-Sports und profitiert vom Image als YOLO-Ausrüster. Außerdem haben wir recherchiert, wer die Zugmaschine im 5G-Ausbau ist (Seite 14), wie schnell der Vienna Scientific Cluster rechnet (Seite 12) und wo die Energieversorger schon intelligente Smart Grids ausprobieren (Seite 8). Der Fall liegt hier ähnlich wie bei 5G: Österreich war in den Alpentälern immer schon auf innovative Netzlösungen angewiesen, egal ob Energie oder Mobilfunk. Dort ist man bei jeder Neuerung vor Ort gleich hellhörig und macht sich an die Umsetzung. Eben um zu sehen, ob’s etwas bringt.

Mir scheint, dass der Unterschied in der grundsätzlichen Herangehensweise liegt, in der ersten Fragestellung: „Welches Geschäftsmodell kann ich damit machen?“, das klingt nach Strategieplanung und Business Model Canvas, aber von Strategieplanung kann sich am Ende niemand etwas kaufen. „Was bringt das meinen Kunden?“ ist die bessere Frage. Solange ich nah am Kunden bin und ihm etwas zu bieten habe, das ihm etwas bringt, muss ich mir wenig Sorgen machen.

Machen wir die Gegenprobe: Digitalisierung läuft immer dann gegen die Wand, wenn mir meine Kunden egal sind. Oder deren Daten. 18 Millionen Euro könnte das nun die Post kosten – das Rekordbußgeld war Breaking News zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe. Zwar ist die Entscheidung noch nicht rechtskräftig, und am Ende wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Dennoch: Die Zeiten von „verwarnen statt strafen“ sind definitiv vorbei (Seite 10). Dass derweil die Austria-Verkehrswende politisch nicht so recht in die Gänge kommt, passt ebenfalls ins Bild – hier ist einfach nicht klar, auf welche „Kundschaft“ die neue Mobilität überhaupt zugeschnitten sein soll. Michael Praschma berichtet zum Heftschluss von einem Transitland am Scheideweg (Seite 16).

Vielleicht hängt die Digitalisierung schlicht und einfach an der Wortwahl. Ständig ist von „Services“ die Rede, smart Services, intelligent Services. „Brauchma sowas? Machma eh.“ Service ist ein Heimspiel, davon versteht Österreich etwas. Nicht nur von Fußball.

Quelle: IT-Unternehmen aus Österreich stellen sich vor 1/2019 in c’t 25/2019