Spaghetti Telecomunicazioni Napoli

Als Chefredakteur einer themenspezifischen Zeitschrift werde ich von Freunden, Verwandten und Bekannten immer wieder gefragt, wie und wann sich denn meiner kompetenten Meinung nach wohl die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes auf die Telefongebühren für Otto-Normal-Onliner auswirken würde.

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Wer will heutzutage schon wissen, wie die Welt im nächsten Jahr ausschaut, wenn zum Beispiel trotz Satelliten- und Tiefseekabelvernetzung El Niño immer erst dann ein Thema wird, wenn ein paar hundert Menschen nach unverhofften (?) Sturmfluten auf offener Straße ertrunken oder am anderen Ende der Welt in ihren Häusern verbrannt sind. Und warum sollte es die Presse ausgerechnet jetzt kümmern, dass der große Lauschangriff auf die Pressefreiheit dem Spiegel eine wirklich akute Titelstory wert ist, während andere Quotenjäger lieber aus abgehörten Telefonaten heraushören wollen, wer außer Monica Lewinsky sonst alles Herrn Clinton und vielleicht sogar noch anderen amerikanischen Präsidenten einen gebl…, sorry, Gefallen getan haben könnte.

Ich bin auch nur ein Freak, der sich mit ein paar hintergründigen Argumenten behelfen kann. Nämlich, dass man dazu vielleicht wissen müsse, wie Deutschland im speziellen und Europa im allgemeinen funktioniert. Am deutlichsten sagte es Helmut Schmidt, unser altgedienter Bundeskanzler, wonach die freie Marktwirtschaft in Deutschland „nur“ drei Dinge brauche: eine Nacht, neun Monate und 40 Jahre.

Kaum Euro-konform , aber mindestens ebenso volkstümlich bringt es Giovanotti, unser Italiener um die Ecke, auf den Punkt, wenn er folgenden Witz (?) erzählt:

Das Himmelstor ist defekt, weshalb sich Petrus Kostenvoranschläge machen lässt. Kommt zuerst ein Deutscher: 990 Mark lautet sein Angebot. Als Petrus wissen will, wie dieser Preis zustande kommt, antwortet er: „330 Mark für An- und Abfahrt, 330 Mark an Lohn- und Nebenkosten und 330 Mark für mich“. Danach kommt ein Tscheche. 90 Mark will er haben, die er selbstbewusst begründet: „30 Mark für An- und Abfahrt, 30 Mark an Lohn- und Nebenkosten und 30 Mark für mich“. Schließlich kommt ein Neapolitaner: 590 Mark bietet er. Auch bei ihm will es Petrus ganz genau wissen, worauf er folgende Antwort erhält: „250 Mark für mich, 250 Mark für dich und 90 Mark für den Tschechen“.

Meine tschechischen Freunde mögen mir verzeihen. Ich beneide sie um ihren nationalen Stolz, den sie haben (dürfen). Und ich liebe Benecko in der Krkonoše. Aber so ist es nun mal auf dieser unserer Welt. Und mit unserem TK-Markt im allgemeinen und unserer Deutschen Telekom im speziellen verhält es sich wahrscheinlich so: Ron Sommer weiß vermutlich mehr als alle anderen, wenn er um seinen Stuhl bangend, kommende Preiskämpfe dennoch völlig gelassen sieht. Denn das, was die Telekom aus ihren Milliardengeschäften nach Vergangenheitsbewältigung und Abtragung staatlicher Verpflichtungen, wenn überhaupt, übrig behalten (dürfen) wird, wollen und müssen alle anderen — von Arcor via Otelo bis zur Viag — so schnell wie möglich selbst verdienen. Dazu müssen sie aber noch eine ganze Menge Kabel verlegen, Antennen ausrichten und Erwartungen dämpfen. Bis dann endlich Oma Frieda ihr Ortsgespräch zum halben Preis und Neffe Sebastian seinen Internet-Zugang kostenlos erhält, hat er aus ihrem Nachlass wahrscheinlich seine eigene Telefongesellschaft gegründet.

Quelle: Thomas Jannot in PC-ONLiNE 3/1998