Interview mit Fritz Heimsoeth

Als studierter Informatiker machte sich Fritz Heimsoeth 1978 mit der festen Absicht selbstständig, Spitzen-Software für PCs zu vertreiben. 1984 gründete er eine der erfolgreichsten Firmen in der Softwarebranche.

PC PLUS: Herr Heimsoeth, Ihr Auftreten in der Softwarebranche war so spektakulär, dass sogar der Spiegel Anfang 1987 darüber berichtete. Sie verzichteten auf den üblichen Kopierschutz und nahmen bewusst die Verbreitung von Raubkopien in Kauf. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Politik gesammelt — hatte sie besondere Auswirkungen auf den Umsatz?

Heimsoeth: Trotz der bisher kurzen Zeit muss man diese Angelegenheit historisch betrachten. Früher war Software in der Regel kopiergeschützt, was dem Kunden enorme Probleme bereitete, weil Programme umständlich zu bedienen waren. Eine Fähigkeit von PCs ist nun mal unter anderem das Kopieren. Es ist ein ähnliches Problem wie mit Papierkopierern, auf die die Urheberrechtsverletzung voll zutrifft: In jedem Copy-Shop werden ganze Bücher kopiert — die Seite zu rund 20 Pfennig — woran sich niemand stört, obwohl es sich in vielen Fällen mit Sicherheit um Urheberrechtsverletzungen handelt (Copy-Shops führen allerdings eine Pauschale an die Verwertungsgesellschaft WORT ab, die, ähnlich der GEMA-Gebühr bei Musikern, nach einem festen Schlüssel an Autoren verteilt wird; Anmerkung der Redaktion). Kopierer sind also zum Kopieren da — das ist mit PCs genauso. Unsere Überlegung, die ich auch ganz massiv beeinflusst habe, war die folgende: Wer ernsthaft mit irgendeinem Produkt arbeiten will, der braucht den Zugang zum Originalprodukt, den Zugang zum Service, weil er sicher gehen muss, dass er über originäre Informationen verfügt — Informationen aus erster Hand. Beschreibungen aus Büchern anderer Hersteller nutzen ihm wenig — er braucht Originalauskünfte. Wir haben gedacht: Jeder, der (raub)kopiert, soll das tun. Es ist sogar nützlich für uns, weil es sich ja eigentlich um eine kostenlose Demonstration handelt. Wenn jemand dann nach einem Monat unser Produkt enttäuscht weglegt, dann hätten wir ihm auch nichts verkaufen wollen. Wenn bei uns jemand etwas für 300 Mark kauft, und nach einem Monat Testzeit den Kauf bereut, dann war dies kein gutes Geschäft. An konkret diesen 300 Mark habe ich überhaupt kein Interesse. Mich interessieren Kunden, die unsere Produkte gut finden, Kritik üben und uns damit gegenseitig nach vorne bringen. Demnach ist jeder, der mit einer Raubkopie arbeitet, ein potenzieller Kunde für uns. Unsere Umsatzkurven beweisen, dass sich dieses Konzept bewährt hat. Anfangsverkäufe sind immer relativ gering, was aber dann ganz massiv steigt, weil viele unserer Kunden nach einiger Zeit, in der sie mit unserem Produkt Erfahrungen gesammelt haben, dieses auch wirklich erwerben wollen.

PC PLUS: Es kursiert ein Gerücht, wonach die Bilanz für Heimsoeth & Borland in diesem Quartal nicht besonders gut aussieht. Einige Entlassungen sollen sogar ins Haus stehen.

Heimsoeth: Auf unsere Firma in Deutschland bezogen, ist dies gröbster Unfug. Wir machen in diesem Monat zum Beispiel so viel Umsatz, wie im gesamten letzten Jahr zusammen. Bei uns ist also das absolute Gegenteil der Fall. Borland in Amerika hatte allerdings vor ein paar Monaten in der Tat ein Problem, worauf sie auch entsprechend reagiert haben. Borland hat meines Wissens weltweit rund 120 Leute entlassen. Das auch mit gutem Grund. Sie wissen vermutlich selbst, wie schwierig es zum Beispiel hier in Deutschland ist, wenn eine Firma schnell wächst. Dabei organisatorisch mitzuhalten, ist ein verdammt schwieriger Job. Borland war gut beraten, zu sagen „wir ziehen auf diesem Level nicht mehr mit. Wir schauen jetzt auf unseren Profit und nicht mehr nur auf unseren Umsatz“. Sie haben sich entschieden, das Personal in vielen Bereichen zu reduzieren — zum Beispiel im „Direktverkauf“, den sie mit sehr viel Mühe aufgezogen haben. Die Konsolidierung greift natürlich erst nach rund einem halben Jahr. Deshalb hat Borland im letzten Quartal seines Rechnungsjahres, das mit unserem übrigens nicht identisch ist, einen kleinen Verlust eingefahren, was aber trotz negativem Anschein eine gesunde Reaktion darstellt. Man wird dies auch im nächsten Quartal sehen, dann ist alles wieder in Ordnung. Es handelt sich also um eine bewusst in Kauf genommene Konsolidierungsmaßnahme.

PC PLUS: Es heißt, Sie engagieren sich als Unternehmer überdurchschnittlich für den Umweltschutz. Schaden Computer der Umwelt oder können diese ihr sogar nutzen? Sehen Sie eine Chance, Umweltprobleme per Computer in den Griff zu bekommen?

Heimsoeth: Ob Computer der Umwelt schaden, darüber kann man ganze Bücher schreiben. Wenn ich diese Problemstellung einmal wörtlich nehme und soziale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, die ja auf dem Weg zu einer Informationsgesellschaft ist, außer Acht lasse, dann muss ich zunächst feststellen, dass die Herstellung, also die Produktion von Computern, der Umwelt genauso schadet, wie die Herstellung von Elektronik überhaupt. Da sind ganz klar die schädlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe zu nennen, die zum Reinigen von Platinen verwendet werden und leider erheblich zur Vergrößerung des Ozonlochs beitragen. Mit zunehmender Masse von PCs haben wir aber auch einen erhöhten Energiebedarf, was allgemein sehr stark unterschätzt wird. Was allerdings die Auswirkungen auf die Umwelt durch den Einsatz von Computern angeht, da bin ich optimistisch. Ich glaube, dass wir Umweltprobleme überhaupt nur mit der Simulationsfähigkeit von Rechnern in den Griff bekommen. Dies ist auch genau der Bereich, in dem ich sehr sehr viel arbeite.

PC PLUS: … also nicht zurück zu Rousseau, sondern mit Hightech in eine umweltfreundliche Zukunft?

Heimsoeth: Das ist richtig, wobei diese Polarisierung es verdammt schwierig macht, das zu akzeptieren, was Sie da sagen. Ich bin mit Sicherheit kein Barfußindianer — wir brauchen die Technik, um einigermaßen heil da durchzukommen. Ich bin allerdings bei weitem davon entfernt zu meinen, dass alles, was Technik ist, glücklich macht. Dies würde ich mit einem ganz großen Fragezeichen versehen.

PC PLUS: Sie sind Geschäftsführer einer erfolgreichen High-Tech-Firma — und Sie fahren statt Mercedes oder BMW einen Fiat Uno. Ihre persönliche Konsequenz lautet also „Uno im Management“?

Heimsoeth: Wenn Sie mein Auto meinen, ja. Ich fahre sehr viel mit der U-Bahn, dem Autobus und mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ansonsten reicht mir ein Kleinwagen — mein Uno mit Katalysator.

PC PLUS: Herr Heimsoeth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte PC PLUS-Redakteur Thomas Jannot
(Quelle: PC Magazin PLUS 1/1989)